Autor Thema: Lebenslauf eines Tonbandliebhabers...  (Gelesen 2332 mal)

Offline svenbo67

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Lebenslauf eines Tonbandliebhabers...
« am: 24. Mai. 2012, 13:53 »
Hallo allerseits,

ich bin Jahrgang 1967 und wurde bereits in frühester Kindheit mit dem Tonband/Plattenspieler-Virus infiziert:

Bereits als dreijähringer (1970) hing ich Kpfüber in der elterlichen Musiktruhe, um dem einegabuten Plattenspieler zuzuschauen oder ihn zum spielen zu bringen. In diesem Möbelstück befand sich eine Schublade, die mein Vater mit einem Grundik TK27L deluxe bestückt hatte. Auch dieses GErät besass meine volle Bewunderung. Da meine Eltern wohl nicht so von der körperliche Zuneigung von mir zu ihrer Musikanlage begeistert waren (die sicher auch  bei einige Schallplatten ihre Spuren hinterlassen hat ;-)  wurde ein ausrangiertes Grundig TK5 und ein kleiner Elac-Plattenspieler, samt einiger ausgemisteter Schallplatten und einem großen Röhrenradio als Verstärker in mein Kinderzimmer gebracht, damit ich dort meine Zuneigung zu diesen Geräten ausleben kann ;-)

Kurz darauf kaufte mein Vater einem Kollegen ein zweites TK27l deluxe ab, wohl mit dem Hintergedanken, Band-zu-Band-Überspielungen damit machen zu können, was er letztlich aber nie getan hat.


So landete dann dieses zweite Gerät statt des TK5 in meinem Kinderzimmer. Das TK5 wurde "entsorgt". Ich war mittlerweile ca. 5 Jahre alt.


Das ästehtische Empfinden meiner Mutter wurde jedoch empfindlich durch das riesige Röhrenradio in meinem Kinderzimmer gestört. Sie meinte sinngemäß: "Von diesem riesigen häßlchen Ungetüm in seinem Zimmer bekommt der Kleine ja einen Knacks für's Leben!"

Also wurde der Elac-Plattenspieler aus meinem Kinderzimmer samt diesem Radio entfernt und durch einen nagelneuen "Neckermann-Phono-Koffer", einem Plattenspieler mit eingebautem Verstärker ersetzt. Das gerät war erstaunlich gut verarbeitet, mit einem Metallchassis, welches in einer Holzzarge mit eingebautem Vertsärker und Lautsprecher eingebaut war. Klanglich hatte ich den Eindruck deutlich besser, als die frühen damals bereits verbreiteten "Mister Hit"-Plattenspieler von Telefunken.

Mein Opa brachte mir als Mitbringsel einen billigen Transistor-Kassettenrekorder mit einigen Hörspielkassetten mit. Das hat mich zunächst gefreut, jedoch war ich nicht mehr so begeistert, als meine Eltern der Meinung waren, dass damit das TK27l in meinem Zimmer überflüssig wäre und sie es weiterverschenkt haben. Das einzige was tröstete, war, dass ich den Beschenkten selbst gerne mochte und ich mich daher nicht weiter gewehrt habe.


Dann folgten weitere Kassettenrekorder, ein Mono-Radiorekorder, dann eine "Neckermann"-Kompaktanlage. Irgendwann wurde der Wunsch nach einem richtigen Tonbandgerät wieder stark. Und zu meinem 12. Geburtstag (1979) bekam ich ein SABA TG 564. Ich war begeistert. Ich nutzte es täglich häufig mehrere Stunden. Erst mitte der 80er habe ich es zu nutzen aufgehört, als ich feststellte, dass ein AIWA-3700-Kassettendeck, welches ich mir geleistet hatte, deutlich besser Klang, als dieses Tonbandgerät. Vermutlich waren die Köpfe mittlerweile auch nicht mehr die besten.... Das Gerät steht heute noch in einer finsteren Ecke im Keller...


Damit folgte wieder eine Tonbandabstinenz, bis ich ca. 1993 in einem lokalen Anzeigenblatt eine Revox A77, frisch revidiert, mit Garantie für 350,- DM entdeckte. So eine Maschine war natürlich ein Traum aus meiner Jugend. Da kratzte ich mein als Student nebenher verdientes Geld zusammen, rief den Verkäufer an und kaufte ihm das Gerät ab: Ich kam zu einem alten Ehepaar nach Hause. Der alte Mann hatte das offenbar ehemalige Kinderzimmer regelrecht in ein Tonstudio umgewidmet. Es befand sich eine riesige elektronische Orgel darin und nebendran stand die A77. Er nutzte sie um sich selbst aufzunehmen und zu kontrollieren. Und er erzählte mit Tränen in den Augen wie gerne er noch die Tanzmusik der 50er spielt und sich an die Zeit erinnert. Und er nimmt das auch gerne auf, aber seine Finger seien mittlerweile zu zittrig, um das Band noch einfädeln zu können, da müsse er immer seine liebe Frau rufen. Deswegen habe er sich nun ein Kassttenrekorder angeschafft, und das Bandgerät nochmals ordentlich überholen lassen, damit er das Gerät guten Gewissen einem Käufer anbieten kann. Die Rechnung vom einem renommierten Radiogeschäft hatte er mir mitgegeben. Kosten der Überholung: ca. 300,- DM (!) Als der alte Mann mir das alles erzählte und zeigte, bekam ich selbst feuchte Augen! Es wirkte, als sei er dabei von allem was ihm lieb geworden war, Abschied zu nehmen.



Bei mir stand die A77 bis letztes Jahr im Wohnzimmerregal und wurde gelegentlich als "Kuriosität", oder als "Spielzeug" in Gang gesetzt. Inzwischen ist sie auch wieder stark überholungsbedürftig. Die Geschwindigkeit stimmt zU Beginn nicht. Manchmal regelt sie sich ein. Muss mal prüfen, was da los ist.

Habe neulich jedoch einem anderen Tonbandsammler die Sammlung abgekauft und dhabe jetzt so einige Geräte bei mir.

Das "normale" tägliche Musikhören mache ich jedoch völlig anders ("Nostalgiefrei"). Meine CD-Sammlung habe ich in "lossless"-Formaten auf einen Server kopiert und nutze einen PC mit Digitalausgang zum abspielen. Als Software kommt dabei "foobar2000" zum Einsatz, die ich übrigens unübertrefflich finde. Eine Super-Medienbibliothek, mit der ich jeden Titel in Sekunden finden kann. (auch wenn er auf einer "Kuschel-Rock", oder ähnlichen Zusammenstellung versteckt ist!) Wenn ich Besuch habe und bekomme die Frage: "Was hast Du von...", dann habe ich in Sekunden alle Titel von allen CDs sauber aufgelistet vorliegen und kann jeden Titel durch anklicken spielen. Natürlich auch alle alben in ihrer vorgesehenen Reihenfolge. Und mal eben eine Zusammenstellung von lossless nach mp3 für unterwegs umwandeln? auch nur ein Klick! Super!

Trotz dieser modernen Technik gefällt mir das Basteln mit den alten Dinosauriern der UNterhaltungselektronik sehr!

Viele Grüße


Sven


Offline cisumgolana

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Re: Lebenslauf eines Tonbandliebhabers...
« Antwort #1 am: 25. Mai. 2012, 14:51 »
Hallo Sven!

Herzlich willkommen in diesem Tonbandforum.

Und vielen Dank für die spannenden Schilderungen Deiner Tonband-Erlebnisse.

Es gibt bei mir einige Parallelen. Allerdings gab es daheim nur ein Telefunken
"Dampfradio" in schlicht-schwarzem Bakelitgehäuse und einen Selbstbau-
platten"hobler" meines Vaters.

Wie ich zum TB-Hobby kam, kannst Du teilweise hier lesen:

http://forum2.magnetofon.de/showtopic.php?threadid=12565
,
http://forum2.magnetofon.de/showtopic.php?threadid=12663
und
http://forum2.magnetofon.de/showtopic.php?threadid=12172

Bilder meiner gesammelten Bandgeräte findest Du hier:

http://galerie.magnetofon.de/index.php?cat=10038

Ich wünsche Dir viel Freude mit Deiner Analogtechnik. Möge sie
gegenüber der Digitaltechnik nicht zu kurz kommen...

Grüße
Wolfgang

Offline svenbo67

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Re: Lebenslauf eines Tonbandliebhabers...
« Antwort #2 am: 25. Mai. 2012, 17:00 »
Hallo Wolfgang,


Deine Geschichten sind sehr lebendig geschrieben! Du bist auch offenbar ein wenig älter als ich.

Irgendwie übten auf mich grade Tonbandgeräte, mit diesen Spulen, die vom äußeren Ansehen so gar nicht über deren Inhalt verraten, einen besonderen Reiz aus. Eine Spule mit gleichförmig braunem Band spielte mir als Kind eingängige Schlager vor, während eine andere Spule mit genauso braunem gelichförmigen Band mir Grimms Märchen erzählte... Oder Mozart vorspielte... oder sonst etwas.... Es gab auf diesen Bändern immer etwas zu endecken! Es war für mich als Kind fast wie Zauberei!

Oder ich nahm ein Band und ein Mirkofon zur Hand und drückte die Aufnahmetaste . und dieses unscheinbare braune Band wusste, wie spreche oder singe!

OK, selbst mir als Kleinkind war schon klar, dass alle diese Information da irgendwie aufgezeichnet wird. Und dennoch ging von den Bändern immer ein besonderer Reiz aus.

Selbst wenn ich ein Band aufgelegt habe, was ich schon gefühlte 100 mal oder häufiger gehört hatte, so fühlte ich mich gleich irgendwie zuhause, wenn die Musik zum hundertundersten mal erklang!

Diesen Reiz hatte selbst das kleine TK27L deluxe....

Und wenn ich als Junge in besseren Radiogeschäften in der Stadt in den Schaufenstern die neueren, größeren, moderneren Bandmaschinen gesehen habe, dann konnte ich gar nicht lange genug bewundernd vor den Schaufenstern stehen bleiben!


Viele Grüße

Sven