Autor Thema: Radio der 50er bis 70er  (Gelesen 2717 mal)

Offline thommy74

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Radio der 50er bis 70er
« am: 16. Apr. 2008, 19:00 »
Hallo Leute,

nachdem ich einen Stapel Platten gehört habe (bin eigentlich noch nicht ganz fertig), wende ich mich wieder den Tonbändern zu.

Immer wieder sind Radioaufnahmen darunter, die ich gerne einordnen würde. Die Musik an sich kann ich etwa einordnen, aber oft werden „Oldies“ gespielt. Dann weiß ich selten, wann dieses Programm aufgenommen wurde.

Wie war denn das „Radioverhalten“ der Hörer der 50er, 60er und 70er Jahre? Wie lange war Mittelwelle/mono angesagt, seit wann ist stereo UKW üblich? Gab es SWF3 schon in den frühen 70ern? U. s. w.

Ein kurzer Überblick würde mir erst mal reichen.

Ich, geboren 1975 in Mannheim, kenne nur SWF3 und HR3 und ein wenig AFN (Eagle?), war allerdings nie ein ständiger Radiohörer.

Dank schon mal und Grüße,

Thommy

Manuel (der Fliege)

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Re: Radio der 50er bis 70er
« Antwort #1 am: 16. Apr. 2008, 19:39 »
Hallo Thommy,

auf Deine Fragen könnte man mit mehreren DIN-A4-Seiten antworten, oder aber auch nur in wenigen Sätzen. Da ich leider momentan wieder ziemlich beschäftigt bin, beschränke ich mich auf die Kurzform, in der Hoffnung, daß andere Forenmitglieder noch zahlreiche Antworten schreiben werden.

Deutschland ist - im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern Europas - ein "UKW"-Land, die meisten Leute hören hier UKW. Dies sind mitunter noch Auswirkungen/Folgen vom 2. Weltkrieg, es spielten viele Dinge eine Rolle.

Die ARD-Rundfunkanstalten haben in den letzten 50 Jahren eigentlich fast nur ein Programm des Inlandsfunks auf Mittelwelle parallel zur UKW-Senderkette ausgestrahlt, so richtig eigenständige Programme kamen erst in den Neunziger Jahren. Darum war es ja unlogisch, die Mittelwelle einzuschalten, wenn man dasselbe auch auf UKW in wesentlich besserer Tonqualität hören kann.

In anderen Ländern, wie z.B. in Großbritannien oder Holland, ist die Mittelwelle bis heute noch sehr gefragt, viele kleine Lokalsender strahlen ihre Programme nur auf Mittelwelle aus. Schau mal allein England an, eine Übersicht gibt es hier:
http://rundfunkarchiv.magnetofon.de/index.php/topic,152.0.html

UKW in stereo ging so richtig in der 2. Hälfte der Sechziger Jahre los, da wurde man anspruchsvoller. Du kannst das ja gut mit der Entwicklung der Schallplatten vergleichen. Wann wurde es üblich, daß jede 45er-Single "stereo" war?

Die Einführung der Stereophonie stellte höhere Ansprüche an den Empfang, der Radio mußte an eine gute Antenne angeschlossen werden. Nicht jeder wohnte in der Stadt unweit vom Sender bzw. viele Leute wohnten im Tal. Die Hörgewohnheiten sind durchaus standortabhängig, bis in die Neunziger Jahre hinein beklagten sich die Hörer im Sendegebiet des WDR, daß sie kaum einen störungsfreien Stereo-Empfang zusammenbringen.

Oder im Auto - in Zeiten ohne RDS und Autoradios, die selbsttätig die Frequenz wechselten, waren viele Leute schlicht zu faul, ständig (während der Fahrt!) am Senderabstimmungsknopf herumzudrehen. Da schaltete man eben gern die Mittelwelle ein, die hörte man im ganzen Land und sogar darüber hinaus. Ist also komfortabler im mobilen Betrieb.

Speziell zu SWF 3: Meines Wissens nach war die Einführung des Regelbetriebs im Jahr 1975. Zuvor wurde auf den SWF-3-Frequenzen höchstens entweder das ARD-Gastarbeiterprogramm ausgestrahlt, oder Programmübernahmen von SWF 1, oder gar nichts.

So ganz genau weiß ich es leider nicht, denn erstens bin ich kein Zeitzeuge und zweitens wohne und wohnte ich nie im Sendebereich des SWF. Nur durch Überreichweiten ist ein guter Empfang möglich, obwohl ich die Frequenzen vom Standort Hornisgrinde eigentlich jeden Tag mehr oder weniger gut (in mono) empfangen kann. Die Zeiten, wo man auf 7265 kHz im 41-m-Band den SWF empfangen konnte, sind je leider vorbei. :( Macht nichts, heute hat man ja das Internet und den Live-Stream. :D Wer braucht da noch die Kurzwelle? :shock:

Viele Grüße,
Manuel

Offline Tonband Paule

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Re: Radio der 50er bis 70er
« Antwort #2 am: 16. Apr. 2008, 22:23 »
Hallo Thommy,

zum SWF3 meine ich dass da schon 1972 Sendungen liefen. Damals habe ich mit einem Blaupunkt Kofferradio (Mono) auf meinem TK147 immer abends die neusten Hits aufgenommen (war glaube ich immer mit Frank Laufenberg als Moderator). Obwohl ich nahe Stuttgart gewohnt habe war der Sender nur sehr schwach und störanfällig gewesen, damals hat das nicht soviel ausgemacht, hauptsache man hatte wieder was neues auf Band und die habe ich heute noch im Schrank :D.
Heute wohne ich am Bodensee und SWR3 kommt über das Kabel ohne Störungen rein.

Grüße,
Wolfram

Offline thommy74

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Re: Radio der 50er bis 70er
« Antwort #3 am: 17. Apr. 2008, 11:46 »
Danke für die Antworten.

Das hat mir schon geholfen :D

Dann kann der Radiomitschnitt doch aus den frühen 60ern sein.

Grüße,

Thommy

Manuel (der Fliege)

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Re: Radio der 50er bis 70er
« Antwort #4 am: 17. Apr. 2008, 12:47 »
Hallo Thommy,

wenn es Dir speziell um die Frage geht, wann der Start des UKW-Hörfunks in Deutschland war, so ist das natürlich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gewesen.

Hier bei mir in Bayern hat der allererste UKW-Sender Europas (!) seinen Regelbetrieb im Jahr 1949 aufgenommen. Du kannst Dir leicht eine Eselsbrücke bauen: Die ersten Münzen (Pfennige) mit dem Aufdruck "Bank deutscher Länder" wurden ebenfalls 1949 geprägt. (Ja, ich weiß, es gab die 1-Pfennig-Münze auch schon 1948, aber de facto im Geldbeutel hatte ich die noch nie gefunden. Münzen von 1949 hingegen eine ganze Menge.)

In den anderen Bundesländern kam das ein wenig später mit der Einführung von UKW.
Beim Südfunk Stuttgart (später Südfunk und noch später Süddeutscher Rundfunk SDR) war das, soweit ich weiß, das Jahr 1950. Aber ich bin mir nicht so ganz sicher, weil das Land Baden-Württemberg erst seit dem Jahr 1952 existiert. Wie das genau ablief und wann der SWF sich auf UKW vorstellte, kann ich nicht genau sagen, darum schreibe ich lieber gar nichts. Da wären Zeitzeugen gefragt.

Beim Hessischen Rundfunk weiß ich, daß die zwar auch im Jahr 1949 angefangen haben, aber leider weiß ich nicht, wann auf UKW zu senden begonnen wurde. Vermutlich aber ebenfalls 1950.

Es ging nach dem 2. Weltkrieg alles sehr schnell mit dem BRD-weiten Aufbau eines UKW-Sendernetzes für alle Bundesländer. Eben weil nach dem Krieg die Medienlandschaft völlig von vorne neu aufgebaut wurde, mit der Unterstützung der USA hier im Süden. Du wohnst in Hessen, bist also genauso amerikanische Besatzungszone wie ich in Bayern. Das ganze spielt immer noch in die Gegenwart hinein, wir haben an unseren US-Militärstützpunkten immer noch AFN-Mittelwelllensender aktiv und seit ein paar Jahren auch UKW. So langsam wachen die Amis auf und entdecken für sich die UKW und Stereophonie.

In den anderen Ländern um uns herum waren die Übergänge von Mittelwelle zu UKW fließender, nur so nach und nach wechselte man zu UKW hinüber, manche Länder haben den Sprung bis heute nicht so ganz vollzogen. Ich kenne Gegenden in Schottland, wo man nur ein einziges (!) UKW-Programm empfangen kann, von 87,5 bis 108 MHz ist ansonsten nur "Pfffffff....", nur Rauschen! Stell Dir das mal vor! Heute noch! Ist bei uns völlig undenkbar. Weil bei uns in jedem Kuhdorf ein lokaler Privatsender steht, den man sogar dann noch hören kann, wenn am Radio gar keine Antenne eingestöpselt ist. :lol: Und so viele Sender wir hier in Deutschland auch haben - alle bringen den gleichen Blödsinn. :)

In den USA und Canada ist Mittelwelle (die nennen das aber "AM") auch heute noch Alltag. Es kommt nicht von ungefähr, daß jeder billige Fernost-Radiowecker vom Wühltisch sowohl AM als auch FM hat.
So viel von mir dazu wieder "auf die Schnelle"...

Viele Grüße,
Manuel

Offline thommy74

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Re: Radio der 50er bis 70er
« Antwort #5 am: 18. Apr. 2008, 10:32 »
Danke für die "schnelle" Antwort :lol:

Manchmal ist es eben schwer, Radioaufnahmen zeitlich einzuordnen. Falls man Glück hat, ist doch noch ein Schnipsel der Ansage mit dabei (oder aber das ganze Programm).

Man lernt immer dazu..........

Grüße,

Thommy

Manuel (der Fliege)

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Re: Radio der 50er bis 70er
« Antwort #6 am: 18. Apr. 2008, 10:53 »
Hallo Thommy,

wenn man wirklich einen "Oberflächenfund" erwischt, also ein einzelnes Band ohne Zusammenhang und es beim Anhören keine Hinweise auf das Datum gibt, hilft nur eines: Das Datum vom jüngsten Lied als Aufnahmedatum annehmen.

Ein bißchen hilft das Bandmaterial mit. Wenn es z.B. ein BASF LP 35 LH hifi ist, kann es nicht älter als vom Sommer 1969 sein.

Oder eine andere Methode: Sind auf dem Band auffallend ein oder zwei Lieder doppelt drauf, so war das wohl damals ein Nr.1-Hit und schon hast Du eine relativ genaue Zeitangabe. Wenn 5 Mal "Butterfly" von Danyel Gérard drauf ist, wird´s wohl 1971 sein. Nur mal so als Beispiel.

Viele Grüße,
Manuel

Offline thommy74

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Re: Radio der 50er bis 70er
« Antwort #7 am: 18. Apr. 2008, 23:25 »
Hallo,

also, in dem speziellen Fall ist es ein LGS 35 nach 1958 (also ohne "Langspielband"). Erst sind Aufnahmen A70er drauf, dann kommt ein Schnitt und es folgen Aufnahmen A60er. Viel R'n'R, aber das neuste sind wohl die Trashmen mit "Surfin bird", - 1963, falls ich mich recht erinnere.
Die Aufnahmen sind Halbspur, 9,5cm/s, also eine klassische alte Heimtonaufnahme.

Daß es sich um eine Radioaufnahme handelt, hörte ich erst, als ein Ansager kurz zu hören war.
Die Qualität ist UKW. Schallplattennebengeräusche sind vielleicht zu hören.

Da die Auswahl der Stücke nicht der typische "Oldie-Standard" ist, gehe ich von aus, daß die Aufnahme aus dieser Zeit stammt.

Am Sonntag höre ich die Gegenspur; bin mal gespannt.

Grüße,

Thommy