Autor Thema: Label "Varèse Sarabande"  (Gelesen 13655 mal)

Offline PhonoMax

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Label "Varèse Sarabande"
« am: 21. Nov. 2006, 12:31 »
Ein paar Anmerkungen nochmal auch von mir im neuen Thread, weil der alte offenbar geschlossen ist. Die Sache hat zu reizvolle Züge, als dass man die Ergebnisse beim Betrachten der Platten(raub)pressung vorbeiziehen lassen könnte. Leider wird das bei mir ja immer etwas länger....

Die Bandvorlage dieser Pressung stammte garantiert nicht offiziell autorisiert vom SFB, denn er wird auf dem Plattencover mit keinem Wort als zu bedankender Rechteinhaber erwähnt. Er aber besitzt die Rechte spätestens seit 1961, als Helmut Krüger (mit Dr. Ludwig Heck einer der Stereotonmeister der RRG) die Bänder aus seiner seit November 1944 privaten Obhut an den SFB zurückgab. Die Geschichte des Warum, Wie und Weshalb lässt sich heute recht gut (und sicher zutreffend) rekonstruieren. Der amerikanische Verlag Saraband Varèse muss also die Kopie 'irgendwoher nebenbei' bezogen haben, umso mehr als diese Bänder rrg-seitig nur magnetbandlaborintern verwendet, kopiert und gelagert werden durften. Eine Vermischung mit den gängigen RRG-Beständen war unbedingt zu vermeiden. Dass der SFB es wagte, diese Bänder -Dokumente mediengeschichtlich allerhöchsten Wertes- wegzuwerfen, zeigt, dass intellektueller Horizont immer Funktion eines zeitgeschichtlichen Kontextes ist.

Woher kam aber die Kopie von Varèse Sarabande? Aufgrund des recht hohen Rauschens der PlattenÜberspielung (zumindest deutlich höher als das der 'urtextmäßig' dokumentarisch erstellten AES-CD-Kopie, deren genauer Werdegang bekannt ist: SFB->Dr. Benjamin Bernfeld->AES) und des Entstehungszeitraumes (1977/78), der in auffälliger Weise mit dem ersten Kursieren jener Aufnahme durch die ARD korreliert, dürfte damals irgendwo zu D ein 19-er-Bandgerät mitgelaufen sein, dessen bei dieser Gelegenheit entstandenes Band als Orginal oder Kopie 'irgendwie' in die USA fand. Ein Pilotton jedoch lässt sich 'so ohne weiteres' nicht nachweisen, wurde also mutmaßlich abgefiltert.
In den USA arbeitete man die Sache etwas auf, beseitigte den im Original (und auf der AES-CD natürlich) hörbaren Tonhöhensprung in T. 497 (16:30; auch die Phase eines Kanales dreht um 180°) des ersten Satzes, der vermutlich dem 1944 erfolgten Wechsel von der primär verwendeten Aufnahmemaschine K7 auf die hilfsweise überlappend eingesetzte K4 anzulasten ist, durch eine etwas abenteuerliche Neuproduktion dieser Takte auf und versuchte sich an der Überspielung auf Folie. Auch wenn das 5. Klavierkonzert (in der Version Gieseking/Rother/??RSO Berlin??) nur 36 Minuten hat, wies man allein diesem Werk komplette zwei Seiten einer LP zu, die immerhin 48 Minuten Normlänge hätten. Es wäre also noch möglich gewesen, etwas anderes beizugeben, was aber unterblieb. Dass mehrere Überspielungen als nötig erachtet wurden, sieht man daran, dass die von Michael ebenfalls erworbene Anpressung (Dank sei seinem Sammlerfleiß und -glück!) zwar unzweifelhaft für diese Platte entstand, aber nicht von dem Folienpaar stmmt, das dann für die kommerzielle Version verwendet wurde. Wie Michael aber schon andeutete, ist eben die verwendete Stereofonie für die LP problembehaftet, weshalb erst die CD in diesen Terrains wieder für ein Umdenken sorgte.

Das 'Geheimnis' der hohen Eindrücklichkeit dieser Aufnahme liegt im verwendeten Verfahren der A-B-Stereofonie mit Kugelmikrofonen (Druckempfängern), deren technisches Prinzip eben wesentlich überschaubarer, klanglich erfreulicher ist, als das der in Richtung Druckgradientenempfänger abgetönten Mikrofonypen zwischen Niere und Achtermikrofon. Das haben unsere Freunde von der Reichsrundfunkgesellschaft gleich gehört, da sie ja auch Abhörmöglichkeiten hatten, die bis heute mithalten. Diese Laufzeit-Stereofonie jedoch ist nicht unproblematisch in die Schallplatte zu schneiden, weil die Tiefenamplitude (also links minus rechts) nur begrenzt geschnitten, vor allem aber nur sehr begrenzt abgetastet werden kann. Wenn bei Gegenphasen die Amplitude zwischen links und rechts dem Verrundungsradius des Diamanten zu nahe kommt, wird der Diamant nicht mehr ordentlich geführt und schlackert in der (nun zu weiten) Rille herum. Die Folge sind Krachgeräusche. Nachdem die größten Amplituden bei tiefen Frequenzen vorkommen, wo das menschliche Ohr ohnehin keine Richtungswahrnehmung mehr erlaubt (Signale werden um den Schädel herumgebeugt), reduziert der Tiefenschriftlimiter nach Rothe/Schmidt die Übersprechdämpfung dynamisch, womit dem Hörer zwar eine verschlechterte übersprechdämpfung angedient, das besagte Krachen aber erspart wird. Heikel ist das bei Laufzeitsterofonien insofern, als bei einer Addition gegenphasiger Signale der Summationspegel fällt, das Signal im entsprechenden Frequnezbereich also leiser wird. Die Gefahr, dass die Klangfarbe hörbar verändert wird, besteht daher. Hier sahen sich also die Sarabande-Leute offenbar genötigt, sich an das endgültige Ergebnis heranzutasten.

Befasst man sich mit diesem Problem, gerade auch im Hinblick auf diese wirklich ungeheuerlichen stereofonen Dokumente, erkennt man eines der prinzipiellen Gebrechen der stereofonen Schallplatte (und des konsequent monokompatiblen Rundfunks), zum anderen aber auch die -von kommerziellen Überlegungen abhängigen- 'Ur'-Sachen tonmeisterlich einschlägiger Diskussionen in der Frühzeit der Stereofonie seit den 1950ern, die sich monoman (um nicht zu sagen monophon) um die "Lokalisierung" drehen.

Die RRG-Leute um Braunmühl, Weber, Heck, Krüger u. a. hatten mit ihren "Versuchsaufnahmen" keinerlei Fremdebenen -so da sind: Schallplatte oder Hörfunk, Bandverviuelfältigung zu kommerziellen Zwecken- zu bedienen. Sie waren allein der Forschung (und der eignen Wichtigkeit, denn damals war es schlicht 'lebensnotwendig zweckmäßig' "u.k." zu bleiben) verpflichtet und badeten sicher in den archivierten Klängen. Infolgedessen legte man auch nicht minder zielsicher bei der heute so standardisiert angewendeten A/B-Sterofonie an, weil sie über zwei Kanäle die Raumsuggestion am deutlichsten ("natürlichsten") transportiert. Offensichtlich hatte man auch gemerkt, dass das Groß-AB die stereofone (man sprach damals aber nur von "Raumklang") Spektakularität des Ergebnisses weiter steigerte, weshalb man sich auf diese Technik kaprizierte, aber natürlich das dann auftretende 'Loch in der Mitte' genauso hörte. Und was tut ein Tonmeister, wenn er irgendwo ein Loch hört? Er stellt ein Mikrofon hin. So geschah das hier auch, womit der Center (durchaus im modernen Sinn), "Mercury Living Presence" oder der "Decca tree" geboren waren. Dieses Mikrofon in der Mitte zwischen Links und Rechts betrachtete man aber wohl als Stütze ('gegen' eine allzu unnatürlich breite, instabile, springende Abbildung des Klaviers), denn sein Zumischungspegel wird "während der Fahrt" verändert.


Bei weiterreichendem Interesse könnte ich noch mehr erzählen. Die Aufnahmen sind es wert, diskutiert zu werden, denn sie zeigen auch im Vergleich zu den unprofessionellen Ergebnissen früher professioneller Nachkriegsaufnahmen in stereofoner Technik, wie weit man im Berlin des Krieges eigentlich bereits war, ohne dass auch nur die Idee davon bestand, wie man 'so etwas' an einen Hörer hätte herantragen können. Der Eindruck der Wiedergabe einer solchen Aufnahme über Eckmillers Lautsprecher O15 muss die RRG-Leute donnergleich gerührt haben.

Hans-Joachim
« Letzte Änderung: 21. Nov. 2006, 12:38 von PhonoMax »

Offline MichaelB

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Re: Label "Varèse Sarabande"
« Antwort #1 am: 21. Nov. 2006, 19:39 »
Der Eindruck der Wiedergabe einer solchen Aufnahme über Eckmillers Lautsprecher O15 muss die RRG-Leute donnergleich gerührt haben.

Wobei anzumerken ist, dass diese Bänder (es existierten um 500 Stereo-Aufnahmen der RRG seinerzeit) während des Krieges und kurz hinter der Front in einem Feldlazarett dem dortigen Personal vorgeführt wurde. Man überlege sich die Situation: 30 km weiter im Osten schießt die Artillerie und 3 Meter vor einem dirigiert Furtwängler in Stereo. Eine bizarre Vorstellung ...

Gruß
Michael

Offline PhonoMax

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Re: Label "Varèse Sarabande"
« Antwort #2 am: 21. Nov. 2006, 21:59 »
Ich meinte mit dieser Rührung eigentlich und in erster Linie den immensen, damals kaum fassbaren Qualitätssprung in der Speicherung, die einen Ingenieur vom Schlage Webers oder Braunmühls (als Praktiker und Theoretiker) bis ins Mark getroffen haben muss. Hörte man dann den Kram auch noch in dieser Stereofonie, mussten einem eigentlich die beschreibenden Worte fehlen.---

Die Erfahrungen in Kosten bei Posen gingen dann auch bald zugunsten der Bayern zuende, denn die RRG-Magnetbandlaboranten wurden wegen zunehmend bleihaltiger Luft in Kosten nach Speinshart in die Oberpfalz verlegt, von wo Braunmühl nach Abfassung seiner Berichte zur aktuellen Bandtechnik für die Geheimdienste Englands und der USA durch die Amerikaner versetzt wurde; wohin? Na, nach Bad Homburg natürlich.

In Kosten stand dann Krüger bei dieser Laborauflösung vor den Regalen und fragte sich, was er denn mit (nach Berlin) nehmen solle, denn er war offenbar nicht mit nach Speinshart evakuiert worden. Da waren dann die bekannten Bänder fällig. Am 24. oder 25. Januar 1945 (etwa 8 Wochen später) nahm die Rote Armee Kosten (bei Posen) ein. Es war also langsam Zeit geworden mit der Übersiedelung in die Oberpfalz. Übrigens war das Kostener Lazarett damals in einer (sicher ehemaligen) Schule in Posen untergebracht, in deren Nebengebäuden offenbar das Magnetbandlabor residierte. Schule wird bei der gegebenen Frontnähe wohl inzwischen nicht mehr gewesen sein.

Wenn wir bedenken, dass ja auch das Klavierkonzert unter ständigem Geballere der Flak aufgenommen wurde, das ja keine propagandistische Inszenierung war (egal nun welcher Seite!), ist die Sache eigentlich von A bis Zett nur noch bizarr. Allerdings musste Helmut Krüger 1993 erst gesagt werden, dass man da im Hintergrund den Flaklärm aus dem Berlin des Jahres 1944 höre. Er bekannte 1993, dass ihm dies völlig unbekannt sei, er dies bei den Aufnahmen nicht gehört habe. Sei es nun, dass die damaligen Anlagen mit derart subfrequenten Signalanteilen ernstere Schwierigkeiten hatten, oder aber der kriegsgewohnte Bürger Berlins das -für uns schwer vorstellbar- als unabänderliche Alltäglichkeit abhakte, solange nicht die Sirenen in den Keller riefen.
Und so rudern ja auch Gieseking und Rother mit dem Orchester (wir wissen ja nicht einmal welches!) weiter unbeeindruckt durch die Musik. Sie werden die Flak sicher gehört haben.

Beklemmende Mediengeschichte; und wir sind -über 60 Jahre später- unmittelbar dabei(!)....

Hans-Joachim