Autor Thema: US-Pressungen Klassik  (Gelesen 3724 mal)

Anonymous

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US-Pressungen Klassik
« am: 15. Feb. 2005, 23:08 »
Im Rock- und Pop-Bereich haben amerikanische Pressungen einen schlechten Ruf und werden von Sammlern meist gemieden (ebenso die italienischen aus den 70ern...), wenn es Alternativen gibt.

Wie war das bei der E-Musik? Von der DGG ist mir bekannt, daß in den 60er/70er Jahren die Platten für den amerikanischen Markt überwiegend (oder sogar vollständig?) in Hannover gepreßt und exportiert wurden, weil in Amerika kein Preßwerk die geforderte Qualität liefern konnte.

Wie ist es also zu erklären, daß unter Klassik-Sammlern bestimmte amerikanische Pressungen einen so hohen Stellenwert haben? Hat es da doch 'vernünftige' Preßwerke gegeben, oder sind andere Gründe ausschlaggebend?

Gruß, Wolfgang

Offline -Linus-

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US-Pressungen Klassik
« Antwort #1 am: 16. Feb. 2005, 17:14 »
Kursmanipulationen.

Einige wenige "Experten" geben vor was sammelnswert sei.
Musikalische Urteilsfähigkeit ist manchen Sammlern nicht sonderlich ausgeprägt. Um so anfälliger sind diese gegenüber fremden Wertangaben.
Nach zwei, drei Jahren weht der Wind dann wieder aus einer anderen Richtung. Die Scheiben die der kleine Sammler verschmäht und massenweise gegen "Raritäten" eingetauscht hat sind dann wieder was wert. Der Markt muß in Bewegung bleiben!
Wir würde es auch nicht in den Sinn kommen für einen schlecht gepresste US-LP Unsummen auf den Tisch zu legen.

-Linus-

Offline Markus Berzborn

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Re: US-Pressungen Klassik
« Antwort #2 am: 16. Feb. 2005, 18:42 »
Zitat von: wz1950
Wie ist es also zu erklären, daß unter Klassik-Sammlern bestimmte amerikanische Pressungen einen so hohen Stellenwert haben? Hat es da doch 'vernünftige' Preßwerke gegeben, oder sind andere Gründe ausschlaggebend?


Hallo Wolfgang,

Die Frage ist sehr einfach zu beantworten.
Es ist nicht die Pressqualität, sondern die Aufnahme- und Überspielqualität, durch die bestimmte amerikanische Klassik-LPs legendär geworden sind. Im wesentlichen handelt es sich dabei um die Label RCA (bis Mitte der 60er, dann nahm die Qualität deutlich ab) und Mercury.
Dazu kommt noch, dass RCA in den 50ern die tollsten Interpreten unter Vertrag hatte, was wohl zu einem großen Teil daran lag, das vor und während dem Krieg zahlreiche Klassik-"Stars" nach Amerika gegangen sind.
In der Analogzeit war es oft so, dass im Ursprungsland beim Plattenschneiden mit dem Masterband oder zumindest mit einer frühen Generation gearbeitet wurde, während ins Ausland Kopien verschickt wurden. Daher klingen  - in der Regel - amerikanische RCAs und Mercurys und englische Deccas und EMIs am besten.
Niemand sucht also nach in Amerika gepressten Ausgaben deutscher o.a. Label, falls das gemeint sein sollte.

Gruß,
Markus

P.S.: Wolfgang, als Bob Dylan-Fan müsste Dir doch sicher schon mal aufgefallen sein, dass alte amerikanische Columbia 6 eyes und 2 eyes spürbar frischer als die deutschen Ausgaben klingen, oder? Ich bin ja nicht so der Experte bei Folk und Folk-Rock, aber ich habe z.B. auch ein paar frühe amerikanische Vanguard-LPs von Joan Baez, die sind klanglich eine Offenbarung. Kein Vergleich zu dem, was ich vorher von den gängigen deutschen Pressungen gewohnt war.
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Anonymous

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US-Pressungen Klassik
« Antwort #3 am: 16. Feb. 2005, 20:50 »
Zitat von: -Linus-
Einige wenige "Experten" geben vor was sammelnswert sei.
Musikalische Urteilsfähigkeit ist manchen Sammlern nicht sonderlich ausgeprägt. Um so anfälliger sind diese gegenüber fremden Wertangaben.
Nach zwei, drei Jahren weht der Wind dann wieder aus einer anderen Richtung. Die Scheiben die der kleine Sammler verschmäht und massenweise gegen "Raritäten" eingetauscht hat sind dann wieder was wert. Der Markt muß in Bewegung bleiben!

Hallo Linus,

ja, leider gibt es Sammler, die Schallplatten nur als Geldanlage und, schlimmer noch, als Spekulationsobjekte ansehen und mißbrauchen. Dafür habe ich kein Verständnis. Sicher freue ich mich, wenn ich eine "wertvolle" Platte der Sammlung einverleiben kann, doch die Freude am Sammelobjekt selbst, völlig wertneutral, sollte m.E. der Hauptantrieb des Sammelns sein.

Solche Leute treiben tatsächlich unnötigerweise die Preise in die Höhe, und wenn diese Typen sich mal verspekulieren und auf den Bauch fallen, habe ich nicht das geringste Mitleid.

Aber man kann den Spieß doch auch umdrehen: diesen Leuten genau das (billig) abkaufen, was sie gerade als "nicht sammelnswert" ansehen! :D

Gruß, Wolfgang

Anonymous

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Re: US-Pressungen Klassik
« Antwort #4 am: 16. Feb. 2005, 21:20 »
Zitat von: Markus Berzborn

In der Analogzeit war es oft so, dass im Ursprungsland beim Plattenschneiden mit dem Masterband oder zumindest mit einer frühen Generation gearbeitet wurde, während ins Ausland Kopien verschickt wurden. Daher klingen  - in der Regel - amerikanische RCAs und Mercurys und englische Deccas und EMIs am besten.

Hallo Markus,

das überrascht mich nun aber. Demnach macht also der klangliche Unterschied einer Bandgeneration die schlechtere Preßqualität (vor allem durch gröberes Material hervorgerufen) wett. Nun ja, die entsprechenden Sammler werden schon wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben. :)

Bei Dylan-Platten habe ich einen solchen Vergleich noch nicht angestellt, auch bei Joanie nicht. Vor ein paar Jahren kaufte ich aber durch Zufall fast zeitgleich zwei Ausgaben der ersten LP von Velvet Underground ("Bananen-Platte"...), und zwar die deutsche und die amerikanische Pressung, beides die Verve-Originalausgaben von 1967. Da waren tatsächlich deutliche Unterschiede zu hören.  Die US-Pressung klang 'frischer', insofern stimme ich Dir zu. Aber, und das ist ein ganz großes ABER: durch die schlechte Pressung hatte das Ding ein deutlich höheres Grundrauschen, das besonders bei ruhigen Passagen störend war.

Da diese LP zu verflixt hohen Preisen gehandelt wird, wollte ich nur eine behalten und hatte die Qual der Wahl. Ich habe mich für die deutsche Pressung entschieden!

So am Rande: Die US-Pressung konnte ich so gut verkaufen, daß ich den Einkaufspreis für beide wieder raushatte... :D

Von Dylan habe ich überwiegend die üblichen NL-Pressungen auf dem alten CBS-Label. Aber, jetzt fällt's mir ein, eine Ausnahme: "John Wesley Harding" habe ich sowohl als US- als auch als deutsche Pressung. Okay, dann werde ich demnächst einen Direktvergleich machen.

Gruß, Wolfgang

Offline Markus Berzborn

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Re: US-Pressungen Klassik
« Antwort #5 am: 16. Feb. 2005, 23:43 »
Zitat von: wz1950

das überrascht mich nun aber. Demnach macht also der klangliche Unterschied einer Bandgeneration die schlechtere Preßqualität (vor allem durch gröberes Material hervorgerufen) wett. Nun ja, die entsprechenden Sammler werden schon wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben. :)


Hallo Wolfgang,

Die klanglichen Unterschiede sind teilweise so frappant bei den Klassik-LPs, dass da nicht nur eine Bandgeneration dazwischen liegen dürfte...
Aber auch andere Imponderabilien spielen da wohl mit: Schneideverstärker und wer weiß was sonst noch.
Selbst ein und derselbe Titel von RCA (USA) kann je nach Pressung enorm unterschiedlich klingen, obwohl die ja jederzeit Zugriff auf die Masterbänder hatten. Die Röhrenfans argumentieren da natürlich, dass mit dem Umstieg auf Transistortechnik alles klanglich den Bach runter ging. Das mag zwar übertrieben sein, aber auffällig ist es schon, dass die Klangqualität so ab Mitte der 60er deutlich nachlässt.
Ich kann Dir das gerne bei mir mal vorführen - RCAs und andere alte Klassikplatten in unterschiedlichen Pressungen und aus unterschiedlichen Ländern. Die Unterschiede sind alles andere als subtil!
Übrigens sind nicht alle US-LPs schlecht gepresst. Es schwankt nur sehr stark mit Ausreißern nach oben wie nach unten. Wahrscheinlich haben die nicht so viel Wert auf Qualitätssicherung gelegt. Da waren die Engländer Decca und EMI deutlich konstanter.
Wer den ultimativen Living Stereo-Klang haben will, kommt aber sowieso nicht um die Reissues von Classic Records herum, denn da stimmt alles, Klang und Fertigung.

Gruß,
Markus
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